Mit der Höhenangst-Bergwander-Skala verlässlich Wanderung planen

Du möchtest eine bestimmte Bergtour machen, zum Beispiel die Überschreitung des Jägerkamp im Spitzing? Dann wirst Du beim Studium der Tourenberichte schnell feststellen, dass zwar der Weg und die technischen Herausforderungen beschrieben werden, nicht aber die Besonderheit zu Höhenangst. Um dies zu kompensieren haben wir die Höhenangst-Bergwander-Skala entwickelt. 

Überall wird angegeben wie hoch Du steigen und wie lang Du ungefähr unterwegs sein wirst, welche technischen Herausforderungen auf dich warten. Was allerdings fehlt sind Angaben zu den besonderen Herausforderungen für Wanderer die Höhenangst wahrnehmen.

Vielleicht gehen Dir Fragen durch den Kopf wie:

  • Muss ich mit Tief- oder Weitblick rechnen?
  • Gibt es Querungen und wenn ja, wie sieht es mit Bezugspunkten aus?
  • Wie hoch ist die Gefahr abzustürzen, sind felsige Passagen dabei?
  • Wie schmal sind die Wege?

Bewertung von Wanderwegen nach dem AV-Bergwegekonzept

Ob solche Besonderheiten in Bezug auf Höhenangst für Dich anspruchsvoll sind oder nicht, ist sehr individuell. Einen ersten Anhalt bietet die Bewertung von Bergwanderwegen des Deutschen Alpenverein.

In Koopertaion mit dem OeAV wurde das AV-Bergwegekonzept entwickelt. Wie auf die Skipiste werden Bergwanderwege in die drei Kategorien: einfach (blau), mittelschwer (rot), schwer (schwarz) unterteilt.

blau - Leicht

Einfache Bergwege sind überwiegend schmal, können steil angelegt sein und weisen keine absturzgefährlichen Passagen auf.

rot - Mittel

Mittelschwere Bergwege sind überwiegend schmal, oft steil angelegt und können absturzgefährliche Passagen aufweisen. Es können zudem kurze versicherte Passagen vorkommen.

schwarz - Schwer

Schwere Bergwege sind schmal, oft steil angelegt und absturzgefährlich. Es kommen zudem gehäuft versicherte Gehpassagen und/oder einfache Kletterstellen vor, die den Gebrauch der Hände erfordern. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind unbedingt erforderlich.

Gehzeiten nach der Norm DIN 33466

Auf vielen Wegweisern werden neben dem Tourenziel und dem Schwierigkeitsgrad Gehzeiten mit angegeben. Nach der Formel gemäß der DIN 33466 folgt:

  • 300 hm pro Stunde (bergauf)
  • 500 hm pro Stunde (bergab)
  • + 1/2 Stunde je 4 km Entfernung

Die genormten Gehzeiten dienen grob als Anhalt. Der Umfang umschließt nur die reine Gehzeit, ohne Pausen oder andere Verzögerungen. Notiere dir bei deiner nächsten Wanderungen wieviel Zeit Du benötigst bergauf, bergab und auf einer Distanz von 4 Kilometern. Zukünftigt kannst Du diese Ergebnisse in deine Tourenplanung einfließen lassen.

Grenzen der Schwierigkeitsgrade beim Bergwandern

Bei der Bewertung von Bergwanderwegen handelt es sich um eine rein technische Beurteilung. Sie gibt nur Auskunft über das Gelände und die Voraussetzungen zur Bewältigung. Subjektive Ängste, wie zum Beispiel Sturzangst, Höhenschwindel oder Höhenangst werden bei dieser Skala nicht berücksichtigt. Eine objektive Beurteilung für Höhenängstler von zu erwartenden schwierigen Passagen ist nicht möglich. Bei jedem tritt Höhenangst in einer anderen Form & Ausprägung zu Tage, welche mit den gängigen Bewertungssystemen nicht vergleichbar und somit nicht allgemein einschätzbar ist.

Höhenangst-Bergwander-Skala

Auf Basis des AV-Bergwegekonzepts, haben wir die Höhenangst-Bergwander-Skala entwickelt. Dabei unterscheiden wir vier Kategorien, um eine Gesamtbewertung zu der jeweiligen Bergtour zu erreichen. Darin fließen als Besonderheit für Menschen mit Höhenangst der Aspekt Tief-/Weitblick (Querungen) und die Geländeform mit ein.

H1

Breite Wege und Forststraßen, welche mäßig ansteigend sind und keine Stufen oder ähnliches aufweisen. Keine direkten Tief-/Weitblicke oder Querungen.

H2

Teils steile, leichte Bergwanderwege, auf denen ein nebeneinander gehen teilweise möglich ist, sowie vereinzelt Geröll und kleinere kurze Felsstufen. Tief-/Weitblicke sowie kurze Querungen mit vielen Bezugspunkten möglich.

H3

Mittelschwere Bergwanderwege, steil, auf denen i.d.R. kein nebeneinander gehen möglich ist. Es ist mit schroffigen Gelände, Karen, weglosen Gelände, kleineren Rinnen, kurzen Drahtseilpassagen zu rechnen. Die Hände müssen teils zuhilfe genommen werden. Tief-/Weitblicke sowie mittellange Querungen mit wenigen Bezugspunkten (Latschen, o. ä.) möglich.

H4

Mittelschwere bis schwere Bergwanderwege (steil bis sehr steil) in anhaltend schroffigen oder verblockten Gelände, Rinnen, Kare, mit längereren oder mehreren Drahtseilpassagen und häufiger Zuhilfenahme der Hände. Tief-/Weitblicke sowie lang anhaltenden Querungen mit wenigen bis keinen direkten Bezugspunkte (i.d.R. Gipfelbereich).

Höhenangst-Bergwander-Skala in der Praxis

Nehmen wir wieder unsere Referenztour, die Überschreitung des Jägerkamp, zu rate. Gemäß der Höhenangst-Bergwander-Skala bewerten wir diese Wanderung mit H2 bis H3. Das heißt:

Mittelschwere Bergwanderung steil, auf denen i.d.R. kein nebeneinander gehen möglich ist. Es ist mit schroffigen Gelände, Karen, weglosen Gelände, kleineren Rinnen, kurzen Drahtseilpassagen zu rechnen. Die Hände müssen teils zuhilfe genommen werden. Tief-/Weitblicke sowie mittellange Querungen mit wenigen Bezugspunkten (Latschen, o.ä.) möglich.

Oftmals entscheiden nur wenige Meter darüber ob die Wanderung gelingt oder nicht. Eine Gesamtbewertung ist in der Praxis nicht zielführend. Es bietet sich an, ob nun mit der H-Skala oder einer „normalen“ Tourenschreibung, die Wanderung in Abschnitt zu unterteilen und separat zu bewerten.

Abschnitt 1 – Aufstieg zur Jägerbauernalm

Der Weg hinauf zur Alm erlaubt nur an wenigen Stellen ein nebeneinander her gehen, ist also meistens schmal. Der Aufstieg ist teils steil und weist einige sehr kurze felsige Meter auf. Aufgrund einiger Serpentinen ist somit auch mit kurzen Querungen zu rechnen, allerdings gibt es durch die umstehende Bäume viele Bezugspunkte. Dieser Abschnitt ist somit sowohl bzgl. Tief-/Weitblick als auch des Geländes mit H2 zu bewerten.

H2

Teils steile, leichte Bergwanderwege, auf denen ein nebeneinander gehen teilweise möglich ist, sowie vereinzelt Geröll und kleinere kurze Felsstufen. Tief-/Weitblicke sowie kurze Querungen mit vielen Bezugspunkten möglich.

Abschnitt 2 – Nordrücken & Überschreitung des Jägerkamp

Die Latschen bieten einige Bezugspunkte, was den Bergrücken in puncto Tief-/Weitblicke etwas entschärft. An einigen sehr kurzen Stellen ist ostseitig allerdings Tief- & Weitblick mit wenig direkten Bezugspunkten möglich. Der Weg weist zwar immer wieder kurze Felspassagen auf, die aber dennoch insgesamt als leicht zu bewerten sind.

Es ergibt somit eine Bewertung von H2 im für das Gelände sowie H3 bzgl. Tief-/Weitblick.

H2

Gelände

Teils steile, leichte Bergwanderwege, auf denen ein nebeneinander gehen teilweise möglich ist, sowie vereinzelt Geröll und kleinere kurze Felsstufen.

H3

Tief-/Weitblick

Tief-/Weitblicke sowie mittellange Querungen mit wenigen Bezugspunkten (Latschen, o. ä.) möglich.

Abschnitt 3 – Querungen auf der Nordseite

In diesem Abschnitt kann vor allem die sehr lange Querung mit wenigen Bezugspunkten heikel sein. Glücklicherweise befinden wir uns im Hang und nicht auf dem Grat, Rücken oder Gipfel, sodass uns immerhin die Bergseite Bezugspunkte verschafft. Der Weg an sich ist zwar schmal, aber ansonsten nur als leicht zu bewerten.

Somit ergibt sich für das Gelände eine Bewertung von H2 und im Bereich Tief-, Weitblicke und Querungen eine H3.

H2

Gelände

Teils steile, leichte Bergwanderwege, auf denen ein nebeneinander gehen teilweise möglich ist, sowie vereinzelt Geröll und kleinere kurze Felsstufen.

H3

Tief-/Weitblick

Tief-/Weitblicke sowie mittellange Querungen mit wenigen Bezugspunkten (Latschen, o. ä.) möglich.

„Normale“ Tourenbeschreibung im Vergleich mit der Höhenangst-Bergwander-Skala

Auch in diesem Bereich spielt Erfahrung eine große Rolle und zwar die Fähigkeit aus der Karte oder Beschreibungen das Gelände zu „lesen“. Markiere Dir bei der Tourenbeschreibungen wichtige Hinweise, die Rückschlüsse auf das Gelände erlauben. Hier ein Beispiel – markiere für dich die Stellen, welche Rückschlüsse auf das Gelände zulassen. Gleich folgt die Auflösung:

Tourenschreibung von tourentipp.com

Schöne, abwechslungsreiche Rundtour, durchwegs auf kleinen Wegen und Steigen. Der empfohlene Anstieg erfordert Trittsicherheit, denn er führt sozusagen auf einem Schleichweg zum Jägerkamp. Gleich zwei Einkehrstationen bietet diese landschaftlich reizvolle Bergwanderung. Wer eine leichtere Variante bevorzugt, wählt einfach die Abstiegroute für den Aufstieg.

Auflösung der relevanten Textaussagen

Die fett markierten Stellen empfinde ich als wichtig in puncto Geländebewertung

Schöne, abwechslungsreiche Rundtour, durchwegs auf kleinen Wegen und Steigen. Der empfohlene Anstieg erfordert Trittsicherheit, denn er führt sozusagen auf einem Schleichweg zum Jägerkamp. Gleich zwei Einkehrstationen bietet diese landschaftlich reizvolle Bergwanderung. Wer eine leichtere Variante bevorzugt, wählt einfach die Abstiegroute für den Aufstieg.

Detaillierte Auswertung der relevanten Textaussagen

kleine Wegen und Steige – kleine Wege könnte bedeuten, dass diese sehr schmal sind. Unter Umständen sogar schlecht markiert oder gepflegt. Steig könnte bedeutet, dass mit felsigen vielleicht sogar drahtseilgesichrten Passagen zu rechen ist. Es macht den Eindruck das dieser Weg nicht unbedingt einfach ist.

Erfordert Trittsicherheit – ein klarer Hinweis auf koordinativ anspruchsvolle Passagen. Unter Umständen ist auch Schwindelfreiheit relevant. Vielleicht hat der Autor damit keinerlei Probleme und hat nicht daran gedacht es zu erwähnen. Jede Beschreibung ist stets subjektiv gefärbt.

Schleichweg – wird dieser Weg überhaupt noch gepflegt und beschildert? Droht Steinschlag oder andere alpine Gefahren? Zwei Fragen dir mir sofort aufkommen wenn ich Schleichweg lese.

Landschaftlich reizvolle Bergwanderung – nichts was Du markiert hättest? Hm. Wenn etwas landschaftlich reizvoll ist, dann kann ich es gut sehen. Heißt im Umkehrschluss das eventuell mit Tief- & Weitblickes zu rechnen ist. Unter Umständen ohne oder nur mit wenigen Bezugspunkten – wer weiß das schon.

Nun aber Schluss mit dem Spuk. Mit den Erläuterung zu eventuell herausfordernden Stellen möchte ich Dir keinesfalls Zweifel einreden, sondern dich aufmerksam machen auf potentielle Herausforderungen, die Du sicherlich (zunehemend) meistern wirst.

Kartenarbeit bei der Tourenplanung

Weitaus informativer und vor allem objektiver ist eine gute Wanderkarte. Für den Alpenraum sind die entsprechenden Wanderkarten des Alpenvereins im Maßstab 1:25 000 zielführend. Nicht nur die Zeichnungen und Wege sind zuverlüssig verzeichnet, sondern auch Besonderheit wie Wildschutz-Gebiete und Aufstiegsrouten für den Winter. Unsere Empfehlung für die Bayerischen Voralpen sind die Alpenvereinskarten Bayerische Alpen des DAV. Kostenpunkt 10 Euro pro Karte. Ein Invsestiontion die sich lohnt!

Resümee Höhenangst-Bergwander-Skala

Sowohl die gängigen Bewertungssysteme wie das AV-Bergwegekonzept oder die SAC-Skala, als auch 99% aller Tourenbeschreibungen gegen nicht auf die Besonderheiten Menschen mit Höhenangst ein. Mit der Höhenangst-Bergwander-Skala von H1 bis H4 kannst Du zukünftig detailliert Gelände, Tief- und Weitblick einschätzen und deine Wanderung planen.

  • AV-Bergwegekonzept – als Anhalt für die Tourenplanung nutzen.
  • hochwertige Wanderkarte mit Maßstab 1:25 000 wählen.
  • Wanderung in Teilabschnitte untergliedern und einzeln bewerten.
  • Höhenangst-Bergwander-Skala für detaillierte Tourenplanung nutzen.

Wir wünschen dir viel Erfolg und gutes Gelingen auf all deinen Wanderwegen.

Bildquelle: Photo by Sebastian Unrau on Unsplash

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